Oberhausener Extremsportler Olaf Ortmann wollte beim Deutschlandlauf 1.300 Kilometer von Sylt bis zur Zugspitze bewältigen. Nach sechs Etappen und 427 Kilometern war Schluss. Was bleibt, ist mehr als eine Niederlage.
Oberhausen. 83 Kilometer an einem Tag. Am nächsten Morgen wieder aufstehen und weiterlaufen. Dann wieder. Und wieder.
Manchmal wird eine 14 KM gerade lange Landstraße zu einem persönlichen Gegner.
Für Olaf Ortmann war genau das die Herausforderung, der er sich beim Deutschlandlauf stellen wollte.
Der 54-jährige Oberhausener war am 22. August fest entschlossen, die komplette Strecke von Sylt bis zur Zugspitze zu bewältigen. Rund 1.300 Kilometer, verteilt auf 20 Etappen. Der Deutschlandlauf gehört zu den härtesten Etappenläufen weltweit.
Ortmann wusste, was ihn erwartet.
„Ich wusste, dass es körperlich und mental brutal wird. Aber genau deshalb wollte ich es machen.“
An Erfahrung mit extremen Belastungen mangelt es ihm nicht. Ortmann nahm an den Ironman-Europameisterschaften teil, absolvierte einen 24-Stunden-Lauf mit 143 Kilometern, schwamm 24 Stunden am Stück und stellte sich auch der Polar Challenge in Grönland.
Doch der Deutschlandlauf sollte eine andere Herausforderung werden.
Denn bei einem Etappenlauf geht es nicht darum, einmal über sich hinauszuwachsen. Es geht darum, jeden Tag wieder aufzustehen und den nächsten langen Tag zu beginnen.
427 Kilometer in sechs Tagen
Die ersten Etappen liefen noch nach Plan. Kilometer um Kilometer arbeitete sich Ortmann durch Deutschland. Die längste Etappe war 83 Kilometer lang.
Insgesamt kam er in den sechs Tagen auf 427 Kilometer – das entspricht mehr als zehn Marathon-Distanzen. In nur sechs Tagen.
Doch mit jedem Tag wurde die Belastung größer. Die Füße litten unter zahlreichen Blasen. Dazu kamen Beschwerden am Schienbein. Schließlich fiel ihm das Anheben der Zehen beziehungsweise des Fußes zunehmend schwer.
Auch die Müdigkeit wurde zu einem ständigen Begleiter.
Eine Szene auf der Reeperbahn ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Dort sah er Menschen, die draußen schliefen.
„Ich war so unglaublich müde. Beim Anblick dieser Menschen entstand bei mir irgendwann einfach der Wunsch, mich selbst irgendwo hinzulegen und einfach zu schlafen.“
Es war einer dieser Momente, in denen sich die Maßstäbe verschieben. Kilometer, Zeit und Ziel verlieren für einen Augenblick ihre Bedeutung. Der einzige Wunsch ist Schlaf.
„Ein Etappenlauf ist wie das reale Leben“
Ortmann beschreibt den Deutschlandlauf inzwischen mit einem Vergleich, der weit über den Sport hinausgeht.
„Normalerweise ist ein Etappenlauf wie das reale Leben. Es gibt Tiefs und es gibt Hochs. Man hat schlechte Tage und dann kommt wieder ein guter Tag.“
Beim Deutschlandlauf sei es irgendwann anders gewesen.
„Am Ende waren da nur noch Tiefs.“
Nach sechs Etappen zog Ortmann die Konsequenz und beendete das Rennen.
427 Kilometer waren geschafft. 873 Kilometer fehlten bis zur Zugspitze.
Das eigentliche Ziel blieb damit unerreicht.
Eine Niederlage?
„Natürlich bin ich enttäuscht“, sagt Ortmann. „Ich bin schließlich angetreten, um bis zur Zugspitze zu kommen.“
Aber er möchte seinen Ausstieg nicht einfach als persönliches Versagen betrachten.
„Ich glaube nicht, dass mir grundsätzlich die Ausdauer fehlt. Ich habe schon viele extreme Sachen gemacht. Aber ich war nicht spezifisch genug auf diese besondere Form der Belastung vorbereitet.“
Denn 83 Kilometer an einem Tag zu laufen, ist eine Sache.
Am nächsten Morgen wieder 70 Kilometer laufen zu müssen, eine völlig andere.
Und am nächsten Morgen wieder.
„Du musst nicht nur lange laufen können. Du musst dich so einteilen, dass dein Körper am nächsten Morgen wieder bereit ist.“
Genau darin sieht Ortmann die wichtigste Lektion seines Deutschlandlaufs.
Nicht unbedingt härter werden.
Sondern besser vorbereitet sein. Früher erkennen, wann der Körper Grenzen erreicht. Energie, Schlaf und Regeneration konsequenter steuern. Und vor allem verstehen, dass ein 20-tägiger Etappenlauf nicht durch einen einzelnen starken Tag gewonnen wird.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis
Der Deutschlandlauf hat Ortmann damit auch eine persönliche Lektion erteilt.
Man denkt im Sport – und vielleicht auch im Leben – schnell, Stärke bedeute, immer weiterzumachen.
Vielleicht bedeutet Stärke manchmal aber auch, zu erkennen, dass Weitergehen gerade nicht mehr die richtige Entscheidung ist.
Ortmann hat die Zugspitze nicht erreicht.
Das sagt er selbst ganz offen.
Aber 427 Kilometer bleiben trotzdem.
Und die Erfahrung, wie sich ein Mensch fühlt, wenn aus den normalen Hochs und Tiefs irgendwann nur noch Tiefs werden.
Was jetzt kommt?
„Jetzt ist erst einmal ein Jahr lang mein Unternehmen mein Hauptprojekt.“
Danach darf man gespannt sein.
Denn wer Olaf Ortmann kennt, weiß: Die Lust auf Herausforderungen wird vermutlich nicht verschwinden.
Vielleicht wartet irgendwann die Zugspitze noch einmal.
Vielleicht aber auch etwas ganz anderes.
Bis dahin bleibt eine Erkenntnis vom Deutschlandlauf:
Manchmal ist die wichtigste Etappe nicht die, die man bis zum Ende läuft. Sondern die, aus der man etwas mitnimmt.
Und die 14 Kilometer geradeaus?
Die waren zumindest irgendwann zu Ende.